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Ideen von IBM

A Smarter Planet: Die nächste Leadership Agenda” von Samuel J. Palmisano, IBM Chairman und CEO, beim Council on Foreign Relations, New York City, 6. Nov. 2008

Es ist mir eine Freude und eine Ehre heute hier in dieser bedeutenden Runde zu sein und das zu einem außergewöhnlichen Zeitpunkt: Während einer bedeutenden politischen Veränderung in den Vereinigten Staaten von Amerika, einer sich wandelnden Weltwirtschaft, einer Neuausrichtung der Finanzmärkte – und des akuten Bedürfnisses nach „Führung“.

Samuel J. PalmisanoUnsere politischen Führer sind nicht die einzigen, die den Auftrag zum Wandel überreicht bekamen. Auch die führenden Vertreter aus Wirtschaft und Institutionen sind überall mit der einzigartigen Möglichkeit konfrontiert, zu verändern wie die Welt funktioniert.

Diese Chance basiert auf Umständen, die sich keiner gewünscht hat. Die Krise unserer Finanzmärkte hat uns brutal die Augen geöffnet, was die Realität und die Gefahren von hochkomplexen globalen Systemen betrifft. Tatsächlich gab es schon während der ersten Dekade des 21. Jahrhunderts eine ganze Serie von Weckrufen mit der Botschaft: Globale Integration ist Realität.

Vor zwei Jahren habe ich einen Essay in Foreign Affairs veröffentlicht, der die strukturelle Veränderung von Unternehmen beschrieb, die meiner Ansicht nach bisher in der Globalisierungsdiskussion größtenteils fehlte. Ich beschrieb darin die Entstehung einer neuen Art von Unternehmen – das global integrierte Unternehmen, welches das multinationale Unternehmen ablöst.

Heute existiert ein breiter Konsens darüber, dass die globale Integration das Geschäftsmodell und die Natur der Arbeit verändert. Aber wir sehen jetzt auch, dass das Bewegen von Information, Arbeit und Kapital quer über reife und sich entwickelnde Nationen hinweg – so tiefgreifend dieser Aspekt auch ist – eben nur einen Aspekt der globalen Integration darstellt.

In den letzen Jahren wurden unsere Augen gegenüber der globalen Klimaerwärmung und den ökologischen und geopolitischen Fragen, die das Thema Energie umgeben, geöffnet. Wir wurden auf die globalen Lieferketten von Nahrungsmitteln und Medikamenten aufmerksam gemacht. Und, natürlich, begannen wir das neue Jahrhundert mit der Erschütterung unserer Vorstellung von Sicherheit – verursacht durch die Anschläge von 9/11.

Diese kollektiven Erkenntnisse haben uns daran erinnert, dass wir jetzt alle verbunden sind – ökonomisch, technisch und sozial. Aber wir lernen auch, dass es nicht ausreicht, verbunden zu sein. Ja, die Welt wird fortlaufend „flacher“ werden. Und ja, sie wird weiterhin kleiner und immer vernetzter werden. Allerdings passiert auch etwas anderes, das sogar noch größeres Potenzial beinhaltet. Mit einem Wort, unser Planet wird immer intelligenter.

Dies ist nicht einfach nur eine Metapher. Ich verstehe darunter unsere Welt intelligenter zu machen. Es geht mir dabei um die Art und Weise, wie die Welt tatsächlich funktioniert –  um die Systeme und Prozesse, durch die physische Waren entwickelt, hergestellt, erworben und verkauft, Dienstleitungen erbracht, Menschen, Geld, Öl, Wasser und Elektronen bewegt werden und mit denen Milliarden Menschen arbeiten und leben.

Wodurch wird dies ermöglicht?

  • Erstens, unsere Welt wird mehr und mehr von Instrumenten durchdrungen sein: Der Transistor, der vor 60 Jahren erfunden wurde, ist die Basisbaueinheit der digitalen Zeit. Jetzt stellen sie sich eine Welt vor, in der Milliarden von Transistoren pro Erdbewohner vorhanden sind, von denen jeder einzelne nur noch ein zehn-millionstel Cent kostet. Bis zum Ende das Jahres wird es sehr wahrscheinlich 4 Milliarden Handy-Inhaber geben … und innnerhalb von zwei Jahren werden 30 Milliarden RFID-Chips (Radio Frequency Identification) produziert. Ganze Ökosysteme werden so mit eingebauter Sensorik ausgestattet – Lieferketten, Netzwerke des Gesundheitswesens, Städte … sogar natürlich Systeme wie Flüsse.
  • Zweitens, unsere Welt wird immer vernetzter: Sehr bald werden 2 Milliarden Menschen im Internet sein. Und wir werden in einer Welt leben, in der auch Systeme und Objekte miteinander „sprechen“ können. Bedenken sie welche Möglichkeiten sich ergeben, wenn eine Billion intelligenter Objekte miteinander vernetzt sind – Autos, Haushaltsgeräte, Kameras, Fahrbahnen, Ölleitungen … sogar Arzneimittel und Nutztiere. Die Menge an Information, die durch die Interaktion all dieser Dinge zustande kommt, wird beispiellos sein.
  • Drittens, alles wird intelligent: Neue Computermodelle können die Unmenge eingesetzter Endbenutzergeräte, Sensoren und Aktuatoren mit leistungsfähigen Back-End-Systemen vernetzen. In Kombination mit fortschrittlicher Analytik können diese Supercomputer Berge von Datenmaterial in Intelligenz verwandeln – die Daten lassen sich dann in Handlungen übersetzen und machen unsere Systeme, Prozesse und Infrastruktur effizienter, produktiver und reaktionsfähiger. Mit einem Wort, intelligenter.

Dies bedeutet eine Konvergenz von digitaler und physischer Infrastruktur. Rechenpower wird in Dingen sein, die wir nicht als Computer erkennen. Tatsächlich lässt sich fast alles – jeder Mensch, jeder Gegenstand, jeder Prozess oder jeder Service für jede Organisation, egal ob groß oder klein, – digital nutzbar machen und verknüpfen.

Angesichts der im Überfluss und zu so geringen Kosten verfügbaren Technologie und Vernetzung drängen sich so manche Fragen auf: Was würden Sie nicht mit intelligenter Technologie ausstatten? Welche Services würden Sie einem Kunden, Bürger, Studenten oder Patienten nicht bereitstellen? Was würden Sei nicht vernetzen? Welche Informationen würden Sie nicht erheben und nutzen, um Erkenntnisse und Einblicke zu erhalten?

Die Antwort lautet: Sie oder ihr Wettbewerber – ein anderes Unternehmen oder eine andere Stadt oder eine andere Nation – werden all dies tun. Sie werden es tun, weil sie es können – die Technologie ist verfügbar und erschwinglich.

Es gibt auch noch einen anderen Grund, warum wir unsere Unternehmen, Institutionen und Industrien intelligenter machen werden. Weil wir es müssen. Nicht nur in Momenten von ausgeprägtem Schock, sondern als integralen Teil unserer täglichen Arbeit. Diese alltäglichen Prozesse in den Unternehmen, in der Regierung und im Leben, die letztendlich die Ursache für diese „überraschende“ Krise sind – sind nicht intelligent genug, um nachhaltig zu sein.

Bedenken Sie:

  • Wie viel Energie wir verschwenden: Laut Veröffenltichungen werden weltweit zwischen 40 und 70 Prozent an elektrischer Energie dadurch verschwendet, dass Grid-Systeme nicht intelligent sind.
  • Wie verstopft unsere Städte sind: Überlastete Straßen verursachen alleine in den USA Kosten von mehr als 78 Milliarden Dollar pro Jahr, in Form von 4.2 Milliarden verlorener Stunden und 2.9 Milliarden Gallonen an verschwendetem Benzin – und diese Zahlen berücksichtigen noch nicht einmal die Auswirkung auf die Luftqualität.
  • Wie ineffizient unsere Lieferketten sind: Konsumgüter- und die Einzelhandelsbranche verlieren jährlich etwa 40 Milliarden US-Dollar oder 3,5 Prozent ihres Umsätze aufgrund mangelnder Effizienz der Lieferkette.
  • Wie altertümlich unser Gesundheitssystem ist: In Wahrheit ist es gar kein „System“. Es gibt keine Verbindung zwischen Diagnose, Medikamentenentwicklung, Dienstleistungspersonal, Versicherern und Angestellten. Derweil fallen weltweit mehr als 100 Millionen Menschen unter die Armutsgrenze bedingt durch die Ausgaben für ihre Gesundheit.
  • Wie der Wasservorrat unseres Planeten austrocknet: Der Wasserverbrauch hat sich seit Anfang des 20. Jahrhunderts weltweit versechsfacht und ist damit doppelt so stark gestiegen wie die Weltbevölkerung. Nach Angaben der Asian Development Bank fehlt einem von fünf Menschen heute Zugang zu sauberem Trinkwasser und die Hälfte der Weltbevölkerung verfügt über kein angemessenes Abwassersystem.
  • Und, natürlich, die Krise unserer Finanzmärkte: Sie wird noch über Dekaden analysiert werden, aber eines ist schon heute klar. Finanzinstitute haben Risiken verteilt und waren dennoch nicht in der Lage, die Risiken ausfindig zu machen – und diese Unsicherheit, dieses Fehlen von präzisem Wissen hat das Vertrauen untergraben.

Wenn Sie die Abläufe bedenken, die heute die Entwicklung des Planeten antreiben, ist es offensichtlich, dass wir sehr viel intelligenter und effizienter werden müssen – besonders wenn wir die Investmentbereiche identifizieren wollen, die das ökonomische Wachstum treiben und einen Großteil der globalen Wirtschaft aus der Flaute holen werden. Glücklicherweise können wir das.

Wir sehen dies darin, wie Unternehmen und Institutionen ihre Systeme überdenken und Technologie auf ganz neuen Wegen einsetzen.

  • Stockholms intelligentes Verkehrssystem hat zu einer Reduktion des Verkehrsaufkommens um 20 Prozent geführt, die CO2-Emissionen sind um bis zu 12 Prozent zurückgegangen und mehr als 40.000 Menschen sind auf öffentliche Verkehrsmittel umgestiegen. Intelligente Verkehrssysteme stärken die Wettbewerbsposition von Städten wie London, Brisbane oder Singapur – und viele weitere Städte sind bei der Planung.
  • Intelligente Ölfeldtechnologien können sowohl die Pumpleistung wie auch die Förderproduktivität steigern – in einer Wirtschaftsbranche, in der nur 20-30 Prozent der zur Verfügung stehenden Reserven derzeit gefördert werden.
  • Intelligente Nahrungsmittelsysteme – beispielsweise das derzeit in Nordics angewendete – können durch den Einsatz von RFID-Technologie Fleisch und Geflügel von der Farm über die Lieferkette bis in die Supermarktregale verfolgen.
  • Ein intelligentes Gesundheitssystem kann Therapiekosten bis zu 90 Prozent reduzieren – wie ActiveCare Network es derzeit in 38 Staaten für mehr als 2 Millionen Patienten macht, indem sie die richtige Verabreichung von Injektionen und Impfungen überwacht.

Es gibt viele andere Beispiele, die ich zitieren könnte. Intelligente Systeme verändern Stromnetze, Lieferketten und Wassermanagement. Sie garantieren die Echtheit von Medikamenten und die Sicherheit von Währungsumtäuschen. Und sie verändern alles vom Geschäftsmodell einer Organisation bis hin zu der Frage, wie sie ihren Angestellten Dinge wie Kollaboration und Innovation ermöglicht. Und vergessen Sie nicht, die Chance intelligenter zu werden beschränkt sich nicht nur auf große Unternehmen sondern betrifft kleinere und mittlere Unternehmen ebenso – weltweit die Motoren des wirtschaftlichen Wachstums.

Wenn wir an Systeme wie Lieferketten, Gesundheitsversorgung und Nahrungsmittelsysteme denken, reden wir in Wirklichkeit über die Interaktion von hunderten, sogar tausenden meist kleinerer Unternehmen. Diese Chance intelligenter zu werden kann weit über das Unternehmerische angewandt werden. Intelligente Infrastruktur wird zur Basis von Wettbewerb zwischen Nationen, Regionen und Städten.

In einer global integrierten Wirtschaft fließen Investment und Arbeit nicht nur zu den Orten in der Welt, die Kostenvorteile bieten, Skills und Expertise besitzen. Es fließt auch zu Ländern, Regionen und Städten, die eine intelligente Infrastruktur anbieten – alles vom effizienten Transportsystem, modernen Flughäfen und sicheren Handelswegen… bis zu verlässlichen Stromnetzen, transparenten und vertrauenswürdigen Märkten und der Verbesserung der Lebensqualität.

Wenn Sie die Welt bereisen, sehen Sie sicherlich immer wieder besonders hervorspringende Länder – nicht nur in Bezug auf die neueste Technologie und die digitale Infrastruktur, sondern auf die modernsten Geschäftsdesigns, Prozesse und Modelle. Letztlich geht es hier um Wettbewerbsfähigkeit in einer global integrierten Wirtschaft.

Ich denke, dass die große Bedeutung dieses Momentes darin liegt, dass die Schlüsselvoraussetzung für wirkliche Veränderungen jetzt gegeben ist: Die Menschen wollen es. Aber dieser Moment wird nicht ewig dauern.

Ist es nicht so, dass das Schwierigste an einer Veränderung ist, dass das Individuum – der Angestellte, der Bürger – das Bedürfnis zur Veränderung auf einer tiefen persönlichen Ebene empfinden muss? Und im Nachhinein, wenn die Umstände, die nach Veränderung rufen verschwunden sind, wenn Dinge zur „Normalität“ zurückgekehrt sind – wünschen wir uns dann nicht immer, wir wären mutiger gewesen, ambitionierter; wären schneller gewesen und weiter gegangen?

Heute sind die Menschen überall - von der Vorstandsetage bis zum Küchentisch - bereit und begierig auf eine neue Art die Dinge zu tun. Das ist der Grund, warum eine Periode der Diskontinuität für diejenigen mit Mut und Vision eine Zeit der Chance ist. Über die nächsten Jahre wird es Gewinner und Verlierer geben. Und obwohl es jetzt vielleicht nicht ganz einfach zu sehen ist, glaube ich daran, dass wir neue Leader aufsteigen werden sehen, die nicht gewinnen, indem sie den Sturm überleben, sondern indem sie das Spiel ändern. Um dies zu tun, werden sie eine neue Form von Führungsverantwortung zeigen, die einen großen Unterschied zu den bisherigen Modellen aufweist.

Denken Sie darüber nach, wie die Welt heute tatsächlich ist: Sehr wenige unserer Systeme sind in der Verantwortung einer singulären Einheit oder eines einzigen Entscheidungsträgers. Leader werden an ihren Kollaborationsskills schleifen müssen, und zwar weil wir Führerschaft brauchen, die über Systemgrenzen hinweg verbindet. Wir werden Stakeholder und Experten aus Wirtschaft, Regierung und Sissenschaft zusammenbringen müssen und alle werden ihre Komfort-Zone überwinden müssen. Dies ist ein Punkt, den das Council on Foreign Relations seit vielen Jahren vertritt.

Es liegt einiges an schwieriger Arbeit vor uns, als Führer und als Bürger. Zusammen müssen wir bewusst Intelligenz in unsere Entscheidungsprozesse und Managementsysteme einfließen lassen… es reicht nicht die Prozesse mit größerer Schnelligkeit und Kapazität auszustatten.

Ich denke jedoch, dass eines klar ist: Die Welt wird immer kleiner, flacher und intelligenter werden. Wir ziehen in das Zeitalter der global integrierten und intelligenten Wirtschaft, Gesellschaft und Welt ein. Die Frage ist: Was fangen wir damit an?

Die Welt, die uns jetzt mit einer enormen Versprechung lockt. Und ich glaube, das dies eine Welt ist, die wir gestalten können – wenn wir für alles offen sind und uns ausmalen, wie eine intelligente Welt aussehen könnte.