Zum ersten Mal in der Schweiz hat die Stadt Zürich im September 2011 ein dreitägiges Onlinebürgerforum durchgeführt. Die Anzahl Teilnehmende und die Qualität der Beiträge waren überragend.
Das Zürcher Stadthaus ist noch menschenleer, als Brigit Wehrli am 15. September 2011 frühmorgens über den ehrwürdigen Steinboden der Eingangshalle schreitet. Nach einem Espresso setzt sie sich ins Büro und tippt um 7.03 Uhr die ersten Zeilen in ihren Computer: „Guten Morgen und willkommen zur Stadtdebatte!“ Damit gibt die Direktorin Stadtentwicklung Zürich den Startschuss zur dreitägigen „Stadtdebatte“, dem ersten Onlinebürgerforum im deutschsprachigen Raum.
Als der Zürcher Stadtrat eineinhalb Jahre zuvor seine vier Legislaturschwerpunkte bekannt gab, lautete einer „Stadt und Quartiere gemeinsam gestalten“. Das Überraschende an dieser Formulierung war der vage Begriff „gemeinsam“. Tatsächlich aber versteckt sich hinter diesem die Erkenntnis der Stadtverwaltung, dass eine zunehmend dynamische und komplexe Stadt wie Zürich nicht allein am Reissbrett weiterentwickelt werden kann, sondern neue Formen der Entscheidungsfindung braucht – eben unter Einbezug der kleineren Systeme des Systems Stadt, der Quartiere, der Bürgerinnen und Bürger. Anders gesagt: Der Zürcher Stadtrat will, dass mehr von unten nach oben statt von oben nach unten geplant und gestaltet wird.
Dass der Legislaturschwerpunkt „Stadt und Quartiere gemeinsam gestalten“ kein frommer Beamtenwunsch war, hat vom 15. bis zum 17. September 2011 die „Stadtdebatte“ gezeigt. Während dreier Tage konnten interessierte Bürgerinnen und Bürger auf dem Onlinebürgerforum zu fünf verschiedenen Themenblocks diskutieren, debattieren, Ideen einbringen, Stellung beziehen, Kritik üben. Wie bewegen wir uns in der Stadt? Wie leben wir mit 2000 Watt? Oder wie Brigit Wehrli es um 7.03 Uhr formulierte: Wo liegen Zürichs Grenzen?
Denkgrenzen und Gemeindegrenzen
Wehrli ist nicht nur Hauptinitiantin der „Stadtdebatte“, sondern auch „Jam-Host“, also Gastgeberin eines der fünf Foren. Wie jede reale Diskussion braucht auch eine virtuelle Debatte ein Mindestmass an Moderation und Leitung. Wo aber liegen nun Zürichs Grenzen? Wehrli muss nicht lange auf eine Antwort warten. Um 7.41 Uhr stellt ein Teilnehmer den Sinn der historischen Gemeindegrenzen in Frage und spricht sich für „Zweckgemeinden“ aus: funktionale Gebietskörperschaften, die ähnlich wie Schulgemeinden funktionieren.
Die Auflösung überholter Grenzen ist nicht nur ein politisches Thema, und es beschäftigt auch nicht nur Brigit Wehrli, sondern beispielsweise auch Norbert Ender, IBM Smarter Cities Executive. Vor allem wenn es darum geht, in Unternehmen oder Verwaltungen das Denken in übergreifenden Zusammenhängen zu fördern. Bei IBM selbst gehört das längst zur Unternehmenskultur. Seit zehn Jahren führt das Unternehmen so genannte Jams durch: zeitlich begrenzte, moderierte Onlinediskussionen zu Unternehmenswerten oder -strategien. Am legendären IBM Innovation Jam™ 2006 beteiligten sich 150 000 Menschen aus 104 Ländern und 67 Unternehmen. Resultat: Die Entwicklung von zehn neuen Produkten mit einem Investitionsvolumen von rund 100 Millionen Dollar. Aus diesen Gründen rannte Brigit Wehrli bei Norbert Ender offene Türen ein, als sie ihm Anfang 2011 von der Idee eines Onlinebürgerforums erzählte und eine inhaltliche und technologische Beratung wünschte.
Stilles Wissen nutzbar machen
Die Grundidee eines Jam ist deckungsgleich mit der Erkenntnis der Stadtplanerin, dass „Experten“ nicht notwendigerweise dort sitzen, wo entschieden wird, sondern dort, wo die Probleme auftauchen. Zum Beispiel auf der von Fussgängern, Velofahrern, Bussen, Trams und Automobilisten hart umkämpften Strasse. Kein Wunder, entwickelt sich das Thema „Verkehr“ zum Dauerbrenner der „Stadtdebatte“. „Warum hören die markierten Velowege an den gefährlichsten Stellen auf?“, will einer wissen. In der Folge werden unzählige Orte genannt, an denen Velofahren in Zürich als gefährlich empfunden wird. Dieses „stille Wissen“ (tacit knowledge) in „explizites Wissen“ (explicit knowledge) zu verwandeln und dadurch nutzbar zu machen für die Entscheidungsfindung, ist für die Entwicklung einer modernen Stadt genauso hilfreich wie für ein Unternehmen. Und Jams sind das zeitgemässe, örtlich und zeitlich flexible Medium zur „Ausgrabung“ dieses stillen Wissens. Für Norbert Ender ist klar: „Eine ‚smarte City‘ muss heute service- und prozessorientiert sein und organisationsübergreifend arbeiten, dazu gehört auch die Einbindung des Bürgerwissens.“
Die Stadtpräsidentin zu Besuch
Zurück zur „Stadtdebatte“. Am zweiten Tag besucht Stadtpräsidentin Corine Mauch das Hauptquartier der „Stadtdebatte“, den Medienraum des Stadthauses. Hier sitzen in drei Schichten zwischen 7 und 21 Uhr Angestellte unterschiedlicher Departemente der Stadt Zürich, die als Moderatorinnen und Moderatoren nebst den Jam-Hosts die verschiedenen Diskussionen leiten. Ständig anwesend sind auch zwei IBM Spezialisten für Innovation Jam™, die mittels einer Software in Echtzeit statistische Daten auswerten können. Die Anzahl der Registrierungen übertrifft alle Erwartungen, die Verweildauer der Teilnehmenden ist selbst für erfahrene „Jammer“ wie Norbert Ender „rekordverdächtig“. Und nicht nur die Quantität stimmt, sondern auch die „intellektuelle Flughöhe“ der Beiträge, wie Brigit Wehrli das nennt. Einziger Wermutstropfen: Die Statistik zeigt an diesem Morgen, dass Frauen nicht nur untervertreten sind bei „Stadtdebatte“, sondern darüber hinaus auch noch praktisch keine Beiträge schreiben. Das stört nicht nur Brigit Wehrli, sondern auch Stadtpräsidentin Corine Mauch. Kurzerhand entscheiden sie, alle registrierten Teilnehmerinnen per Mail anzuschreiben und sanft aufzufordern, ihre Meinungen im Forum kundzutun.
Der Aufruf wirkt, vermag den Geschlechtergraben jedoch nicht gänzlich zu nivellieren. Am Ende der „Stadtdebatte“ wird die Auswertung der Datensätze, die zum Leistungspaket eines IBM Innovation Jam™ gehört, zeigen, dass 64,5 Prozent der 3550 registrierten Teilnehmenden männlich waren und 85 Prozent einen Hochschulabschluss hatten. Zudem dominierten überraschenderweise ältere Bürgerinnen und Bürger die „Stadtdebatte“ und nicht – wie anfangs angenommen – junge „Digital Natives“.
Doch was ist mit Menschen, die kein Internet besitzen? Sind sie nicht von einem Onlineforum ausgeschlossen? Am dritten Tag der „Stadtdebatte“ schreibt ein Teilnehmer, ein Onlineforum sei elitär, man solle lieber einen „echten Dialog“ führen. Antwort erhält er um 9.46 Uhr von Brigit Wehrli selbst: Jedes Medium sei letztlich ausgrenzend, auch ein runder Tisch oder eine Podiumsdiskussion, zum Beispiel aus zeitlichen Gründen. „Deshalb meine ich, dass wir alle Arten von Dialogen führen sollten.“ Es ist ihr letzter Beitrag in diesem Jam.
Die Ergebnisse der Stadtdebatte und eine Stellungnahme der Stadt Zürich sind spätestens ab Ende Januar 2012 einsehbar unter stadt-zuerich.ch

