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THINK! 03/2009

Georges Kern (links) im modernen Fertigungsgebäude von IWC Schaffhausen.

Schaffhausen – das Maranello der Uhrmacherei

Im Gespräch: Georges Kern, CEO der IWC

IWC Schaffhausen produziert grosse, technisch anspruchsvolle ­Männeruhren in zeitlosem Design. In den letzten Jahren hat sich die Schaffhauser Manufaktur vom Nischenanbieter zur globalen Marke entwickelt. Der Taktgeber heisst seit 2002 Georges Kern. Daniel Rüthemann, Country General Manager von IBM Schweiz, hat ihn besucht.

Rüthemann:
In einem Zeitungsinterview haben Sie einmal gesagt, Sie würden bei einem Menschen über kurz oder lang auf die Uhr schauen. Was tragen Sie persönlich am Handgelenk?
Kern:
Eine „Ingenieur“ aus unserem Haus.

Rüthemann:
Warum ausgerechnet die ­„Ingenieur“? Immerhin gäbe es ja so berühmte Modelle wie die „Portugieser“, die „Da Vinci“ mit dem ewigen Kalendarium oder die Flieger­uhren?
Kern:
„Die Ingenieur“ steht für Werthaltig­keit und Zuverlässigkeit; Werte, die heute gefragt sind wie kaum je zuvor.

Rüthemann:
Auf dem Weg in dieses Sitzungszimmer mit dem wunderbaren Blick auf den Rhein haben wir Ihre Manufaktur passiert. Produziert IWC ausschliesslich in Schaffhausen?  
Kern:
Etwas anderes käme gar nicht in Frage! Wir beschäftigen hier über 300 Uhrmacher und Feinmechaniker. Bei uns kann ein Kunde vorbeikommen und sehen, wie seine Uhr entsteht. Wir sind das Maranello der Uhrmacherei.

Rüthemann:
Das Uhrmacher-Maranello ausgerechnet in der Ostschweiz. Wie ist es eigentlich dazu gekommen?
Kern:
Um das zu erklären, müssen wir ins vorletzte Jahrhundert zurückblenden. Damals suchte der Amerikaner Florentine Ariosto Jones nach einem kostengünstigen Produktionsstandort für Uhrwerke. In Schaffhausen fand er ausgebildete Uhr­macher und preiswerte Elektrizität aus einem damals neu gebauten Rheinkraftwerk. Er wollte von hier aus den amerikanischen Markt bedienen…

Rüthemann:
(lacht) Wenn man sich das vorstellt: ein Schweizer Unternehmen als Billiglieferant für die internationalen Märkte!
Kern:
So war es damals. Deshalb nannte Jones die Firma International Watch ­Company. Übrigens eine verblüffende Parallele zum Markennamen IBM, der meines Wissens für International Business Machines steht.

Rüthemann:
Es gibt noch eine zweite Parallele: IWC ist offenbar bestrebt, als globale Marke wahrgenommen zu werden. Als Vielreisender entdeckt man seit einigen Jahren in zahlreichen Weltstädten IWC-Boutiquen.
Kern:
Was die Boutiquen betrifft, so betreiben wir nur eine Handvoll Verkaufspunkte in Eigenregie. Richtig ist aber, dass wir die internationale Expansion vorantreiben. Den Anstoss gab die Übernahme von IWC durch die Richemont-Gruppe vor bald zehn Jahren. Seither gehört unser „Maison“ – wir sprechen nicht von „Brands“ – mit Cartier, Piaget, Vacheron Constantin, Jaeger-LeCoultre und anderen zu einer Familie. Und seither haben wir eine Zielvorgabe: Wir wollen zu einem der fünf weltgrössten Hersteller von Uhren im Preissegment zwischen 5 000 und 50 000 Franken werden.

Rüthemann:
IWC gibt keine Geschäftszahlen bekannt. Trotzdem die Frage: Wie weit sind Sie auf diesem Weg schon fortgeschritten?
Kern:
2001 erzielten wir 70 Prozent unseres Umsatzes in der Schweiz und Europa. Heute liegt dieser Anteil bei etwa 40 Prozent. Rund die Hälfte unserer Uhren geht mittlerweile in den Fernen Osten und die USA. Wobei wir die Jahresproduktion in dieser Zeit mehr als verdoppelt haben.

Rüthemann:
Eine beeindruckende Geschichte. Worauf führen Sie den Erfolg zurück?
Kern:
Wie jeder Unternehmer weiss, lässt sich der Erfolg nie auf Einzelfaktoren zurückführen. Wichtig in unserem Fall waren aber in jedem Fall die Produktqualität und die konsequente Markenführung.

Rüthemann:
Bleiben wir einen Moment beim Produkt, beziehungsweise bei dessen Markt­umfeld. Bei den digitalen Handheld-Produkten erleben wir eine sehr hohe Dynamik: Laptops, Handys aber auch Uhren werden immer leistungsfähiger. Befürchten Sie nicht, mit Ihren mechanischen Uhren aus der Zeit zu fallen?
Kern:
Absolut nicht. Eine IWC kauft man nicht, um die Zeit abzulesen. Ebenso wenig, wie man einen Aston Martin fährt, um von A nach B zu kommen. Wer unsere Uhren trägt, gibt ein Statement ab, er erfährt Lebensqualität.

Rüthemann:
…womit wir beim Branding wären. Wofür steht IWC?
Kern:
Für technisch anspruchsvolle Männeruhren im klassischen Design. Wir werden nie superflache Damenuhren mit Diamanten auf dem Zifferblatt verkaufen.

Rüthemann:
Sie versuchen also nicht, Ihr Sortiment auf spezifische Kundengruppen zuzuschneiden? So wie jene Uhrenmarke, die eine spezielle Yoga-Uhr für den indischen Markt führt, ein Zeitmesser, der den Gläubigen an die 90-minütige Meditationspflicht erinnert.
Kern:
Davon nehmen wir Abstand. Wir setzen weltweit auf unsere sechs Hauptprodukte und auf die starken Werte, die sie transportieren: Werthaltigkeit, Verantwortung und Nachhaltigkeit.

Rüthemann:
Solche Werte darf man nicht nur propagieren, man muss sie auch vorleben. Was unternimmt IWC in dieser Hinsicht?
Kern:
Nachhaltigkeit beginnt für uns bei der Aus- und Weiterbildung der Mitarbeiter. Deshalb betreiben wir eine hauseigene Uhrmacherschule.

Rüthemann:
IWC – so konnte man erfahren – ist eines der ersten CO2-neutralen Unternehmen in der Schweiz
Kern:
Der Klimaschutz steht tatsächlich hoch oben auf unserer Prioritätenliste. So unterstützen wir unsere Mitarbeiter, wenn sie im Eigenheim Wärmepumpen installieren oder wenn sie auf ein schadstoffärmeres Auto umsteigen. Ausserdem ist unser Hauptsitz hier in der Schaffhausener Innenstadt die modernste und ökologischste Uhrenmanufaktur weltweit. 

Rüthemann:
Bei IBM laufen die Aktivitäten zur globalen Nachhaltigkeit unter dem Titel „Smarter Planet“. Damit lenken wir die Aufmerksamkeit auf Produkte und Dienstleistungen, die helfen, den Energieverbrauch zu senken und Ressourcen zu schonen. Gleichzeitig sprechen wie von einer „New Intelligence“, einer neuen Art, Daten zu erfassen und für den Menschen nutzbar zu machen. Gerade die Finanzkrise hat doch gezeigt, dass viele Fehler geschehen, weil die Entscheidungsträger keinen Zugriff auf relevante, vollständige und korrekte Informationen haben.
Kern:
Wenn es gelingen sollte, globale Wirtschaftskrisen wie die aktuelle künftig zu vermeiden, würde ich das natürlich begrüssen. Die Einbrüche waren auch im Uhrenmarkt signifikant.

Rüthemann:
Im Moment scheint niemand zu wissen, wie es konjunkturell weitergeht. Was ist Ihre Meinung dazu?
Kern:
Die Zeiten sind vorbei, da jemand mit dem Jahresbonus spontan eine Uhr für 20 000 Franken kauft. Aber ich garantiere Ihnen: Es wird wieder Wachstum geben. Für die Unternehmen geht es jetzt einfach darum, möglichst fit zu sein, wenn es wieder aufwärts geht.

Rüthemann:
Vielen Dank!

Gesprächspartner


Klimaschutz und unternehmerische
Nachhaltigkeit: Gerade in der Krise
gefragt.
Georges Kern

Der 44-jährige Georges Kern ist gebürtiger Düsseldorfer. Er studierte in Strassburg und St. Gallen. Nach dem Berufseinstieg als Brand Manager beim Nahrungsmittelkonzern Kraft Jacobs Suchard, wechselte er 1992 zur Uhrenmarke TAG Heuer. Seit 2002 ist er CEO von IWC. Kern ist Mitglied des exklusiven Managerclubs «Young Global Leaders» und engagiert sich privat für soziale und ökologische Anliegen.

CEO-Talk

Im CEO-Talk unterhält sich Daniel Rüthemann, Country General Manager von IBM Schweiz, mit einer führenden Persönlichkeit aus Wirtschaft, Politik oder Wissenschaft.