Wenn der Lift funktioniert wie ein Flugzeug und der Computer versteht, was eine Rushhour ist. Ein Gespräch über das urbane Leben der Zukunft.
Think! im Gespräch mit Jürgen Tinggren, CEO der Schindler Gruppe, und Isabelle Welton, CEO von IBM Schweiz

Isabelle Welton Da draussen vor dem Fenster sehen wir den Liftturm auf Ihrem Werksgelände. Ist er mehr als ein Wahrzeichen von Ebikon?
Jürgen Tinggren Wir nutzen ihn vor allem zu Entwicklungszwecken; obwohl er nur gerade 58 Meter hoch ist.
Isabelle Welton Das ist wenig, wenn man ihn beispielsweise mit dem neuen Zürcher Swiss Prime Tower vergleicht; woraus sich für mich eine Frage ergibt: Wie transportiert man eigentlich einen 100 Meter langen Lift ins Zentrum von Zürich?
Jürgen Tinggren Ein Lift entsteht erst auf der Baustelle. Unsere Leute bestellen die Herzstücke des Liftes wie den Motor oder die Steuerung bei unseren eigenen Fabriken, während gewisse Standardkomponenten wie zum Beispiel Türen just in time von Partnerfirmen angeliefert werden. Der Lift als vertikale Hauptverkehrsachse ist heute ein integraler Bestandteil der Gebäudetechnik.
Think! Womit wir mitten im Thema wären. Sie beide sind sich zum ersten Mal auf einem Kongress zum Thema Smarter Cities begegnet …
Isabelle Welton Es ging um die Zukunft der Städte; um die Quadratur des Kreises von Mobilität, Lebensqualität und Energieeffizienz. Für IBM eine der zentralen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts.
Jürgen Tinggren Das gilt auch für Schindler. Denn die vertikale Mobilität zwischen den Stockwerken ist nicht weniger wichtig als die horizontale zwischen den einzelnen Gebäuden und Quartieren einer Stadt. Staus und Verkehrsunterbrüche können überall passieren.
Isabelle Welton Das erinnert mich an meine Jahre in New York; als ich jeden Morgen zwischen 8 und 9 Uhr mit Dutzenden, wenn nicht Hunderten von Kollegen in der Elevator Bank stand und auf die Liftanzeige starrte.
Jürgen Tinggren Da gibt es nur eine Lösung: die intelligente Steuerung. Ein Bereich, in dem Schindler sowohl Pionier als auch weltweit führend ist.
Isabelle Welton Im Strassen- und Schienenverkehr kennt man das schon. Stichwort: Verkehrsleitsysteme. Wie sieht das in der Vertikalen aus?
Jürgen Tinggren Ich will es in einem Bild erklären: Stellen Sie sich vor, die Route eines Passagierflugzeugs würde erst festgelegt, wenn alle Passagiere, die zufällig am Gate stehen, eingestiegen sind und ihre Ziele angegeben haben. Im Luftverkehr undenkbar, aber so funktionieren Aufzüge seit über 100 Jahren. Und genau das ändern wir mit unseren neuen Steuerungen. In einem Hochhaus mit einem modernen Schindler-Liftsystem besteigen Sie den Lift, der Sie am schnellsten ans Ziel bringt.
Isabelle Welton Was bedeutet, dass der Lift mich identifizieren muss, wenn ich die Gebäudelobby betrete; zum Beispiel über eine Chipkarte.
Jürgen Tinggren Entscheidend ist, dass er Sie erkennt, daraus Ihr Transportbedürfnis ableitet und Ihnen den Weg weist. So steigt nicht nur der Komfort der Passagiere, sondern auch die Förderkapazität des Systems, die durch das ständige Stop-and-Go in den Schächten erheblich gebremst wird.
Isabelle Welton Das Beispiel zeigt, wie intelligente technische Lösungen entstehen: aus dem Zusammenspiel von Sensortechnologie, Datenakkumulation zu Big Data – dem Thema unseres Heftes – und leistungsfähiger Analysesoftware.
Jürgen Tinggren Solche Systeme sind dringend notwendig. Die Weltbevölkerung wird über die kommenden Jahrzehnte noch um drei Milliarden Menschen zunehmen. Zwei Drittel der Menschheit werden dann in Städten leben. Und die Stadt der Zukunft – davon gehen die Planer aus – wird vor allem in die Höhe wachsen. Das heisst: Der Ressourcenverbrauch für die vertikale Mobilität wird steigen. Heute gehen bis zu zehn Prozent des Energieverbrauchs eines mittelhohen Bürogebäudes auf das Konto der Aufzüge. Um diesen Wert zu reduzieren und natürlich unsere Produkte stetig weiterzuentwickeln, investieren wir jedes Jahr über 100 Millionen Franken in Forschung und Entwicklung.
Isabelle Welton Energieeffizienz steht auch bei uns ganz oben auf der Prioritätenliste. Der Energieverbrauch unserer mittelgrossen Server – um ein Beispiel zu nennen − ist über nur zwei Produktgenerationen um 80 Prozent gesunken.
Think! Und wo liegen bei Schindler die grössten Einsparpotenziale?
Jürgen Tinggren Die Liftkabinen der neuesten Generation hängen nicht mehr an Stahlseilen, sondern an flachen Antriebsriemen, so genannten Traction Belts, die um ein Mehrfaches leichter und flexibler sind. Ein anderes Beispiel ist die Rückgewinnung von Bremsenergie.
Isabelle Welton Wer nachhaltigen Technologien zum Durchbruch verhelfen will, muss oft viel Überzeugungsarbeit leisten. Wir stellen fest, dass man als Unternehmen gerade beim Thema Smarter Cities in starkem Mass auch auf andere Stakeholder angewiesen ist; auf Regierungen oder eine lokale Bevölkerung, die zu konkreten Verhaltensänderungen bereit ist. Wie erleben Sie diese Abhängigkeit: als Rücken- oder als Gegenwind?
Jürgen Tinggren Es gibt schon viel Rückenwind. Die EU hat zum Beispiel das Programm 20/20/20 aufgelegt. 20 Prozent weniger CO2, 20 Prozent erneuerbare Energien gemessen am Gesamtverbrauch und 20 Prozent mehr Energieeffizienz bis 2020. Eine Stadt wie London bekennt sich schon dazu. Sie subventioniert zum Beispiel die Nachrüstung von Gebäuden. Davon profitieren wir ganz direkt.
Isabelle Welton Wie sieht es diesbezüglich ausserhalb von Europa aus? Zum Beispiel in Asien, namentlich in China, wo Schindler einer der internationalen Pioniere war?
Jürgen Tinggren China hat Aufholbedarf. Zurzeit werden sechs von zehn weltweit produzierten Liften in China installiert. Was in einem solchen Massenmarkt zählt, ist der Preis.
Isabelle Welton Obwohl die ökologischen Herausforderungen gerade in den asiatischen Megastädten gross sind. Der „Scientific American“ hat dem Thema intelligente Stadt jüngst eine Sondernummer gewidmet und gefragt, wie es China schaffen will, seine wachsende urbane Mittelschicht umweltschonend unterzubringen.
Jürgen Tinggren China wird neue Technologien und Lösungen einsetzen müssen. Das ist der Grund, weshalb wir auch in China investieren. In die Produktionskapazitäten, aber auch in die marktnahe Entwicklung.
Think! Wer über Smarter Cities spricht, kommt nicht um das Thema Sicherheit herum.
Jürgen Tinggren Für uns steht die Beförderungssicherheit der Passagiere immer an erster Stelle. Wir betreiben in jedem Land eine Notrufzentrale, die eine lückenlose Überwachung der von uns betreuten Anlagen sicherstellt. Bleibt irgendwo eine Kabine stecken, sind unsere Leute innerhalb von 30 Minuten vor Ort.
Isabelle Welton Ein Sicherheitsbedürfnis haben die Menschen aber auch im Zusammenhang mit Daten. Wenn technische Systeme personenbezogene Daten generieren, muss gewährleistet sein, dass diese nicht in fremde Hände gelangen. An unserem Forschungslaboratorium in Rüschlikon gibt es eine Forschergruppe, die sich ausschliesslich um Cyberkriminalität und ihre Bekämpfung kümmert.
Jürgen Tinggren Ohne die Speicherung und Auswertung von Daten wird es nicht gehen. Beides dient uns zur konstanten Optimierung der Mobilität in einem Gebäude. Aber sicher ist auch, dass die Stadt der Zukunft noch nicht erfunden ist. Es braucht noch viel Innovation, Intelligenz und Fantasie. Umso wichtiger ist es, dass alle Beteiligten – Unternehmen, Regierungen und Hochschulen – intensiv zusammenarbeiten.
Isabelle Welton Also auch hier: Intelligenz dank Integration und Vernetzung über die Grenzen der eigenen Branche hinaus. Schindler ist einer der Hauptpartner von Bertrand Piccard und seinem Projekt Solar Impulse. Was versprechen Sie sich von dieser Kooperation?
Jürgen Tinggren Für die Sonnenenergie interessieren wir uns schon lange. Denn immer mehr Gebäude haben Flachdächer, die man als Solarfarmen nutzen kann. An unserem Standort Locarno haben wir einen Lift gebaut, der vollständig mit Strom vom Dach betrieben wird. Aber natürlich verbinden wir mit Solar Impulse weitergehende Ziele. Es geht generell um Miniaturisierung und Effizienz des Ressourceneinsatzes. Bertrand Piccard hat eine Vision formuliert und ich möchte, dass sich alle 44 000 Schindler-Mitarbeitenden von diesem Pioniergeist, Unternehmertum und Umsetzungswillen anstecken lassen.
Isabelle Welton Ein begeisterndes Projekt mit Bezug zu den Unternehmenszielen kann unglaublich motivieren. Ich stelle das auch bei uns fest. Unsere Forscher sind im Moment daran, einen revolutionären Chip zu entwickeln, der Informationen kontextsensitiv verarbeiten kann …
Jürgen Tinggren Kontextsensitiv? Klingt interessant. Können Sie ein Beispiel bringen?
Isabelle Welton Bleiben wir bei der urbanen Mobilität und gehen wir in den Kontrollraum einer Verkehrsleitzentrale. Es ist Rushhour. In der Innenstadt herrscht Stau. Ein kontextsensitiver Computer wird uns nun automatisch über Grösse und Art der involvierten Fahrzeuge informieren. Denn Sportwagen verhalten sich im Stau anders als Familienkutschen. Sie schliessen schneller auf und weichen möglicherweise eher auf Schleichwege aus.
Jürgen Tinggren Der Chip merkt, was der Mensch von ihm will?
Isabelle Welton (Lacht.) Ich sage immer: Die Chips werden weiblicher. Sie geben auf die gleiche Frage nicht immer die gleiche Antwort.
Jürgen Tinggren Das nenn’ ich wirklich intelligent! Solche Dinge stimmen mich zuversichtlich. Die vernetzte, smarte Welt ist kein Schlagwort, sondern eine inspirierende Vision.
Jürgen Tinggren
(53) ist Ökonom und absolvierte ein MBA-Studium an der Stockholm School of Economics und der New York University Business School. Danach arbeitete der gebürtige Schwede unter anderem für den Zuger Bauchemiekonzern Sika, bevor er 1997 zu Schindler stiess. 1999 übernahm er die Verantwortung für die Asien-Pazifik-Region und lebte sieben Jahre in China. 2007 wurde Tinggren Vorsitzender des Aufzuggeschäfts von Schindler und seit Oktober 2011 ist er CEO der Gruppe.
Isabelle Welton
ist CEO von IBM Schweiz.
Das Gespräch zwischen Jürgen Tinggren und Isabelle Welton fand auf Initiative von IBM statt. Der Gedankenaustausch zweier CEO, die in völlig anderen Geschäftsfeldern tätig sind, offenbart verblüffende Parallelen und anregende Gegensätze.
